Wie eine gemessene Kurz-Lang-Streuung auf dem Golfplatz die Zielwahl verändert.

Im Practice Lab hatten wir bei einer Chip-Aufgabe aus ungefähr 10 Metern eine wichtige Information gesammelt: Die Längsstreuung der Schläge lag bei etwa 3 Metern kurz bis lang.
Genau diese Information wurde später auf dem Golfplatz plötzlich strategisch relevant.
Die beiden Golfer in diesem Unterricht spielten ungefähr Handicap 40. Diese Spielstärke ist für uns besonders interessant. Die Golfer können bereits vieles: Sie bringen den Ball mehr oder weniger zuverlässig ins Spiel, kennen grundlegende Schlagarten und haben schon einiges über Technik und Spielstrategie gehört.
Gerade deshalb beginnt jetzt eine neue Phase des Lernens.
Es geht nicht mehr nur darum, den Ball überhaupt zu treffen. Es geht zunehmend darum, unnötige Schläge zu vermeiden.
Und genau dort werden Themen wie Zielwahl, Sicherheitsmargen, Spielfenster, Spezialschläge und Schlagplanung plötzlich sehr konkret.
Der intuitive Zielpunkt passt oft nur zum guten Schlag
Die Fahne stand auf einem erhöhten linken Grünbereich, relativ nahe hinter einem Bunker. Die Schlagdistanz betrug ungefähr 20 bis 25 Meter.
Für viele Golfer wirkt die Aufgabe in so einer Situation zunächst klar:
Der Ball muss direkt hinter dem Bunker landen.
Das klingt vernünftig. Ist es aber nur dann, wenn der Schlag ziemlich genau gelingt.
Wenn der gewünschte Landepunkt nur knapp hinter dem Bunker liegt und der Golfer in dieser Schlagart eine normale Längsstreuung von ungefähr 3 Metern hat, entsteht sofort ein Problem.
Denn dann liegt ein Teil seiner normalen Fehler nicht mehr auf dem Grün, sondern im Bunker.
Genau das passierte in dieser Unterrichtssituation.
Der gewählte Zielpunkt war nicht grundsätzlich unsinnig. Er war nur zu stark auf den guten oder perfekten Schlag ausgerichtet. Für den normalen kurzen Fehler ließ er zu wenig Sicherheitsmarge.
Ein guter Zielpunkt muss auch Platz für Fehler lassen
Im Unterricht änderte sich dadurch die eigentliche Frage.
Nicht mehr:
Wo sollte der perfekte Schlag landen?
Sondern:
Wo muss der Zielpunkt liegen, damit auch ein normaler kurzer Fehler – der aus dieser Semirough-Lage durchaus vorkommen kann – noch akzeptabel bleibt?
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Ein guter Zielpunkt ist nicht einfach der schönste oder direkteste Punkt auf dem Grün. Er muss so gewählt werden, dass die normale Streuung des Golfers mitgedacht wird.
Gerade im kurzen Spiel wird Streuung häufig zu eng verstanden. Viele Golfer denken sofort an links und rechts.
Doch in solchen Situationen kann etwas anderes entscheidend sein:
kurz und lang.
Wenn ein Golfer weiß, dass seine Chips oder kurzen Pitches in der Länge um einige Meter schwanken können, dann muss diese Streuung Teil der Zielplanung werden.
Nicht der perfekte Ball zählt, sondern der normale Schlag
Besonders aufschlussreich war in dieser Situation auch mein eigener Demonstrationsschlag.
Er war nicht perfekt. Der Ball kam kürzer heraus als geplant.
Trotzdem blieb er auf dem Grün.
Warum?
Weil die Planung mehr Sicherheitsmarge enthielt.
Genau das machte die Situation didaktisch besonders wertvoll. Ein perfekter Demonstrationsschlag hätte die Aussage beinahe abgeschwächt. Erst der nicht perfekte, aber trotzdem akzeptable Ball zeigte wirklich, worum es geht:
Eine gute Planung schützt nicht nur den perfekten Schlag. Sie schützt auch den normalen Fehler.
Gerade bei mittleren Handicaps werden diese Details wichtig
Genau deshalb gehe ich besonders gerne mit Golfern im mittleren Handicapbereich auf den Golfplatz.
Viele dieser Golfer haben bereits zahlreiche Konzepte gehört. Sie wissen, dass man nicht immer die Fahne angreifen sollte. Sie kennen Begriffe wie Risiko, Zielzone oder Course Management.
Aber zwischen etwas gehört haben und es im eigenen Spiel zuverlässig umzusetzen liegt ein großer Unterschied.
Auf dem Golfplatz werden diese Konzepte plötzlich sichtbar.
Der Golfer erlebt unmittelbar, warum ein bestimmter Zielpunkt zu aggressiv war. Warum eine scheinbar sichere Linie keinen Platz für den normalen Fehler hatte. Oder warum der nächste Schlag bereits Teil der aktuellen Entscheidung sein sollte.
Genau deshalb ist Wissen ohne getestete Umsetzung nur ein Teil des Puzzles. Ein Konzept zu verstehen bedeutet noch nicht automatisch, es auf dem Golfplatz zuverlässig anwenden zu können.
Für eine stabile Umsetzung braucht es einen Kreislauf aus Ausprobieren, Fehler machen, Rückmeldung erhalten, verstehen, korrigieren und erneut ausprobieren.
Der Golfplatz wird dabei für einen Moment weniger zum Wettkampfort und stärker zum Lehrer und Testgelände.
Der Golfer muss neue Lösungen ausprobieren dürfen, mit uns Golflehrern über das Ergebnis sprechen, seine Einschätzung überprüfen und anschließend eine veränderte Lösung testen.
Genau dadurch beginnt sich Wissen zu festigen.
Einen Text über Schlagplanung, Spielfenster oder Spezialschläge zu lesen, kann Verständnis schaffen. Für die meisten Golfer reicht dieses Verständnis allein jedoch nicht aus, um die neuen Konzepte unter realen Bedingungen zuverlässig umzusetzen.
Nicht jeder verlorene Schlag braucht eine technische Korrektur
Gerade bei Golfern mit mittlerem Handicap steckt hier häufig erhebliches Potenzial.
Auf vielen Runden entstehen zusätzliche Schläge durch Situationen unter oder hinter Bäumen und Büschen. Weitere Schläge gehen durch ungünstige Zielwahl, Fehleinschätzungen oder eine Schlagplanung verloren, die den normalen Fehler des Golfers nicht ausreichend berücksichtigt. Dazu kommen Spezialschläge, die technisch oder strategisch noch nicht sicher genug beherrscht werden.
Wie viele Schläge das auf einer bestimmten Runde tatsächlich sind, hängt stark vom Golfer, seinem Spielniveau und dem Golfplatz ab.
Die wichtige Erkenntnis ist jedoch:
Nicht alle Schläge, die auf der Scorekarte verloren gehen, brauchen eine technische Schwungkorrektur.
Für Golfer, die den Ball bereits mehr oder weniger zuverlässig ins Spiel bringen, können genau diese Bereiche deshalb zu den nächsten großen Entwicklungsschritten werden.
Manchmal verbessert sich der Score nicht dadurch, dass der Golfer einen besseren Schlag lernt, sondern dadurch, dass er seine vorhandenen Schläge besser einsetzt.
Der Unterrichtsschwerpunkt verändert sich mit dem Golfer
In dieser Woche hatten wir trotzdem einen erheblichen Teil der Unterrichtszeit für technische Themen benötigt. Besonders beim Driver arbeiteten wir intensiv an Treffpunkt und Richtungskontrolle.
Das hatte Priorität.
Denn wenn ein Golfer deutliche Treffpunktprobleme hat, arbeiten wir viel an genau diesen Grundlagen.
Dadurch war während der Woche weniger Zeit für Spielstrategie übrig, als wir gerne genutzt hätten.
Nach dem Unterricht setzten wir uns deshalb noch ungefähr 30 Minuten zusammen und gingen einzelne Situationen und Entscheidungen nochmals im Detail durch.
Auch das gehört für uns zum Lernprozess.
Sobald ein Golfer den Ball mit seinen verschiedenen Schlägern grundsätzlich spielen kann, verschiebt sich der Schwerpunkt automatisch. Dann rücken andere mögliche Fehlerquellen stärker in den Mittelpunkt: Wahrnehmung, Schlagplanung, Zielwahl, Risiko, Erwartungen oder die Vorbereitung des nächsten Schlages.
Genau diese Bereiche spielen auch in Kapitel 1 unseres Strategy Lab Handbuchs eine wichtige Rolle.
Vom Practice Lab auf den Golfplatz
Nach der Bunkersituation war das Thema deshalb nicht beendet.
Wir suchten weitere Positionen rund ums Grün und stellten immer wieder dieselbe Frage:
Wo muss der Zielpunkt in dieser Situation liegen, wenn wir unsere eigene Kurz-Lang-Streuung berücksichtigen?
Damit wurde sichtbar, dass Practice Lab und Strategy Lab keine getrennten Welten sind.
Im Practice Lab erfährt der Golfer etwas über sein eigenes Schlagmuster. Im Strategy Lab wird daraus eine konkrete Entscheidung. Und auf dem Golfplatz muss diese Entscheidung an die reale Situation angepasst werden.
So entsteht ein Lernkreislauf:
eigene Streuung erkennen → Zielbereich ableiten → Situation bewerten → Schlag planen → Ergebnis beobachten → erneut anpassen
Verbindung zum Golf Learning System
Genau hier zeigt sich ein wichtiger Gedanke unseres Golf Learning Systems.
Solange Treffpunkt und Ballkontrolle noch große Probleme verursachen, arbeiten wir intensiv an diesen Grundlagen.
Sobald ein Golfer den Ball mit seinen Schlägern grundsätzlich spielen kann, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf andere Bereiche, in denen ebenfalls Schläge verloren gehen können.
- Spielfenster,
- Schlagplanung,
- Spielstrategie,
- Zielzonen und Streuung,
- und Spezialschläge für reale Platzsituationen.
Gerade für Golfer, die technisch schon vieles können, aber das Gefühl haben, mit ihrem Handicap nicht mehr richtig weiterzukommen, liegt hier häufig ein großer Teil des nächsten Entwicklungspotenzials.
Nicht jeder nächste Schlag wird durch eine bessere Technik eingespart.
Manchmal entsteht der Fortschritt dadurch, den vorhandenen Schlag besser einzusetzen.
Ein Beispiel dafür sind auch unsere Übungen mit realen Platzsituationen und Spezialschlägen, bei denen technische Möglichkeiten immer mit der konkreten Aufgabe auf dem Golfplatz verbunden werden.

Monnard Widmer Coaching Insight
Ein guter Zielpunkt ist nicht der Punkt für den perfekten Schlag. Er muss auch Platz für den normalen Fehler lassen.










