Ein Praxisbeispiel aus dem Kurzspiel zeigt, warum Messen und Technikarbeit nur der Anfang sind – und was danach passieren muss, damit ein Golfer eine Veränderung wirklich nutzen kann.
Ein Golfer mit Handicap 15 beklagte sich im Kurzspiel immer wieder über dünn getroffene Bälle. Wir hätten ihm einfach sagen können, was er technisch verändern soll. Stattdessen wollten wir zuerst verstehen, warum die Schläge entstehen – und anschließend dafür sorgen, dass auch der Golfer selbst versteht, was er verändern kann.
Genau solche Situationen zeigen sehr gut, wie wir im Practice Lab arbeiten.
Eine technische Veränderung zu produzieren ist dabei nur der erste Schritt. Interessanter wird die Frage danach:
Kann der Golfer die Veränderung verstehen, wiederholen, bewusst anpassen und schließlich unter unterschiedlichen Bedingungen einsetzen?
Schritt 1: Erst messen, dann erklären

Zu Beginn haben wir die kurzen Schläge mit FlightScope gemessen. Einer der relevanten Werte war der Angriffswinkel. Bei den ersten gemessenen Schlägen lag er ungefähr zwischen −2 und −7 Grad.
Für uns ist ein solcher Wert aber nicht einfach eine Zahl, die der Golfer möglichst schnell verändern soll.
Wir schauen uns an, wie verschiedene Faktoren miteinander zusammenhängen: Haltung, Angriffswinkel, vertikaler Launch, Spin, Low Point, dynamischer Loft, Spin Loft oder die vertikale Schwungebene können jeweils Informationen darüber liefern, wie der Schlag entstanden ist.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
„Wie bekomme ich die Zahl auf dem Radar anders?“
Sondern:
„Was beeinflusst diesen Wert, und welche dieser Faktoren kann ich verändern?“
Genau deshalb arbeiten wir mit einem Practice-Lab-Trainingsplan. Dort werden Messwerte nicht isoliert gesammelt. Der Golfer lernt, sie mit einem gewünschten Schlagbild oder einer Baseline zu vergleichen und zu verstehen, welche Veränderungen welchen Einfluss haben können.
Verstehen reicht noch nicht

Auf dem Trainingsplan entstanden während der Einheit eigene Notizen und Zeichnungen. Wir sprachen darüber, wie sich beispielsweise Haltungsanpassung, Gewichtsverteilung, Schaftposition, Treffpunkt und Loft auf den Schlag auswirken können.
Damit war das Konzept zunächst verständlich.
Aber etwas intellektuell zu verstehen bedeutet noch lange nicht, dass der Körper diese Lösung bereits zur Verfügung hat.
Der Golfer hatte einen steileren Zugang zum Ball schlicht noch nicht wirklich in seinem Bewegungsrepertoire. Sobald er schlug, organisierte er sich wieder eher flach.
Also mussten wir die Aufgabe verändern.
Schritt 2: Eine Bewegung zunächst überhaupt entdecken
Hier waren zwei zusätzliche Zwischenschritte notwendig.

Zuerst ließ ich ihn an einer Hanglage einen deutlich steileren, fast hackenden Schlag ausprobieren. Nicht weil dieser Schlag später seine Standardtechnik werden sollte, sondern weil die Aufgabe eine Bewegung provozierte, die ihm bisher kaum vertraut war.
Dabei konnte er erleben, dass ein steilerer Zugang nicht automatisch bedeutet, den Ball flach oder hart in den Boden zu schlagen. Mit genügend Loft kann der Ball trotzdem deutlich hoch starten.
Danach warf ich einen Ball ins Semirough und fragte:
„Wie möchtest du den hier herausbekommen?“
Jetzt ergab der steilere Angriff für ihn plötzlich auch funktional Sinn.
Wir spielten einige Bälle aus dem Semirough auf das Grün. Die neue Bewegung war damit nicht mehr nur eine technische Anweisung oder ein Messwert auf dem Bildschirm. Sie bekam eine Aufgabe.
Der Golfer begann zu verstehen, wofür diese Lösung nützlich sein kann.
Dann bestätigt der Messwert die Veränderung

Zu Beginn hatten wir bereits deutlich steilere Angriffswinkel von ungefähr -7 Grad erzeugen können. Später zeigte FlightScope bei weiteren Schlägen Werte von mehr als -11 Grad.
Das war eine deutliche Veränderung gegenüber dem vorherigen Beispiel.
Aber genau hier ist wichtig, den Messwert richtig einzuordnen:
-11,6 Grad bedeutet zunächst nur, dass der Golfer diese Lösung in diesem Moment erzeugen konnte.

Das ist wertvoll. Es bestätigt, dass die Veränderung grundsätzlich möglich ist.
Es beweist aber noch nicht, dass daraus bereits eine stabile und anpassbare Fähigkeit geworden ist.
Genau dieser Unterschied zwischen einer kurzfristigen technischen Veränderung und tatsächlichem Lernen ist auch Thema unseres Golf Learning Insights Wann ist eine technische Veränderung im Golf wirklich gelernt?.
Schritt 3: Kann der Golfer die Veränderung absichtlich steuern?

Der nächste Schritt ist deshalb nicht einfach: noch hundertmal -12 Grad produzieren. Interessanter ist, ob der Golfer beginnen kann, zwischen verschiedenen Lösungen zu unterscheiden. Kann er einen Schlag bewusst etwas flacher organisieren?
Kann er anschließend wieder einen steileren Angriffswinkel erzeugen? Und versteht er, warum die eine Lösung in einer bestimmten Situation sinnvoller sein könnte als die andere?
Damit verändert sich das Lernziel.
Am Anfang wollten wir einen bisher wenig verfügbaren Bewegungsbereich überhaupt zugänglich machen. Später möchten wir daraus keine neue starre Standardbewegung machen, sondern eine zusätzliche Möglichkeit, die der Golfer bei Bedarf einsetzen kann.
Schritt 4: Die Situation beginnt sich zu verändern
Erst danach erweitern wir die Aufgabe.
Andere Balllagen rund ums Grün. Unterschiedliche Distanzen. Verschiedene gewünschte Flugbahnen. Andere Landepunkte.

Eine mögliche Progression kann dabei so aussehen:
- Treffpunkt stabilisieren: Zunächst wird eine technische Lösung unter relativ kontrollierten Bedingungen aufgebaut.
- Bewegungsorganisation stabilisieren: Der Golfer bekommt zunehmend Kontrolle darüber, wie er den Schlag erzeugt.
- Vorbereitung verbinden: Ausrichtung, Treffpunkt, Flugbahn und gewünschte Distanz werden gemeinsam geplant.
- Variation hinzufügen: Die Fähigkeit muss auf unterschiedliche Distanzen und Situationen angepasst werden.
Genau hier wird aus „Ich kann diesen Chip schlagen“ langsam etwas anderes:
„Ich kann meinen Chip an die Aufgabe anpassen.“
Wie wir Stabilisierung sichtbar machen

Viele unserer Practice-Lab-Trainingspläne enthalten deshalb einen Performance Tracker.
Damit beobachten wir nicht nur, ob ein Golfer eine Veränderung einmal geschafft hat.
Wir möchten sehen, ob sich die Resultate mit der Zeit stabilisieren und ob die Fähigkeit auch dann verfügbar bleibt, wenn die Aufgabe variiert oder anspruchsvoller wird.
Dafür können beispielsweise wiederholte Messungen, Variations-Tests und später Stress-Tests eingesetzt werden.
Werden die Ergebnisse in diesen Tests über mehrere Einheiten zuverlässiger, bekommen wir einen Hinweis darauf, dass sich die Fähigkeit zunehmend stabilisiert.
Das ist ein wichtiger Unterschied zu einer einzelnen guten Trainingseinheit. Ein besserer Messwert oder ein sauberer Schlag zeigt eine mögliche Veränderung. Der Performance Tracker hilft uns zu beobachten, ob diese Veränderung zunehmend zuverlässig verfügbar wird.
Genau diese Logik gehört zum Practice Lab: Fähigkeiten werden nicht nur verändert, sondern aufgebaut, überprüft, variiert und weiter stabilisiert.
Diese Verbindung aus technischer Veränderung, Verständnis, Variation, Überprüfung und Transfer ist Teil unseres Golf Learning Systems, in dem Practice Lab, Strategy Lab und reale Spielerfahrung miteinander verbunden werden.
Der Messwert ist nicht das Lernziel

FlightScope war in dieser Einheit sehr hilfreich.
Wir konnten eine Ausgangssituation objektiver beschreiben, eine Veränderung sichtbar machen und gemeinsam kontrollieren, ob das, was der Golfer fühlte, auch tatsächlich passierte.
Aber die Zahl selbst war nie das eigentliche Ziel.
Das Ziel war, dass der Golfer:
- versteht, warum seine bisherigen Schläge entstehen,
- eine andere Lösung entdecken kann,
- erkennt, wann diese Lösung sinnvoll ist,
- sie zunehmend bewusst erzeugen kann
- und sie schließlich an unterschiedliche Situationen anpasst.
Erst dann beginnt aus einer technischen Veränderung eine wirklich nutzbare Fähigkeit zu werden.

Monnard Widmer Coaching Insight
Ein besserer Messwert zeigt, dass eine Veränderung möglich ist. Eine Fähigkeit entsteht daraus erst, wenn der Golfer sie versteht, bewusst verändern und unter unterschiedlichen Bedingungen einsetzen kann.
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