Wie entwickelt ein zehnjähriger Golfer eine Bewegung, die ihm niemand beigebracht hat?

Michel Monnard

Michel Monnard

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18/10/2026

Zehnjähriger Golfer trainiert Pitchschläge auf Capdepera Golf, während ein FlightScope Mevo+ Radar die Schläge erfasst.

Während des Pitchingtrainings mit Neo, einem zehnjährigen Golfer mit Handicap 54, beobachtete ich eine Bewegung, die ich ihm so nicht beigebracht hatte.

Neo sollte lernen, den Schläger beim Pitchen steiler an den Ball zu führen. Während wir daran arbeiteten, entwickelte er eine zusätzliche Bewegung: Sein Kopf bewegte sich im Bereich des Treffmoments nach oben.

Diese Bewegung hatte ich ihm nicht ausdrücklich gezeigt oder erklärt.

Gerade deshalb fand ich seine Reaktion so bemerkenswert. Aus meiner technischen Weiterbildung kannte ich fortgeschrittene Pitching-Techniken, bei denen Golfer durch eine gezielte Koordination ihrer Körperbewegungen den Eintreffwinkel beeinflussen und die Schlägertiefe kontrollieren. Die gleichen Bewegungsmerkmale lassen sich auch bei Tourspielern beobachten.

Neo hatte eigenständig eine Bewegung entwickelt, in der ich ein solches koordinatives Prinzip wiedererkannte. Für mich war das deshalb kein offensichtlicher Technikfehler, sondern eine möglicherweise funktionale Lösung für die Aufgabe, den Schläger steiler an den Ball zu führen und gleichzeitig den Bodenkontakt zu kontrollieren.

Meine eigene technische Weiterbildung half mir in diesem Moment nicht dabei, eine weitere Korrektur vorzunehmen. Sie half mir zu erkennen, warum ich diese Bewegung bestehen lassen konnte.

Eine technische Aufgabe, aber keine vollständige Bewegungsvorgabe

Zehnjähriger Golfer trainiert an einer Hanglage auf Capdepera Golf die Schlägerführung und den Eintreffwinkel beim kurzen Golfspiel.

In unserem Golfunterricht begegnen wir häufig Golfern, die bei bestimmten Schlägen zu flach an den Ball kommen. Das bedeutet nicht, dass ein flacher Eintreffwinkel grundsätzlich schlecht ist. Im Gegenteil: Je nach Spielsituation kann er durchaus erwünscht sein. Viele Amateurgolfer haben jedoch Schwierigkeiten, ihren Eintreffwinkel bei Bedarf bewusst zu verändern. Deshalb gehört die Entwicklung eines steileren Eintreffwinkels zu den Aufgaben, mit denen wir uns im Unterricht regelmäßig beschäftigen.

Somit hatten wir beim Pitchen eine konkrete technische Aufgabe: Neo sollte lernen, den Schläger mit einem steileren Eintreffwinkel an den Ball zu führen.

Wenn wir im Training eine neue Fähigkeit entwickeln, verändert sich häufig mehr als nur der technische Parameter, an dem wir gerade arbeiten. Eine Anpassung kann Auswirkungen auf andere Teile der Bewegung haben – eine Art Karambolage-Effekt.

Ein steilerer Eintreffwinkel verändert deswegen auch die Auswirkung auf den Treffpunkthöhe am Ball und den Bodenkontakt. Der Schläger soll den Ball funktional treffen, ohne anschließend unkontrolliert zu tief in den Boden einzudringen.

Es reicht deshalb nicht, nur einen einzelnen technischen Parameter zu verändern. Die verschiedenen Bewegungselemente müssen so zusammenarbeiten, dass der gewünschte Treffpunkt entsteht.

Um diese Aufgabe anzugehen und für den Golfer besser verständlich und erfahrbar zu machen, nutzten wir unter anderem eine Hanglage. Eine veränderte Balllage kann dem Golfer helfen, unterschiedliche Möglichkeiten der Schlägerführung und des Treffpunkt-Intervalls zu erkunden.

Die technische Information kam also von mir. Wie Neo seinen Körper organisierte, um diese Aufgabe zu lösen, entwickelte sich jedoch aus seinen eigenen Versuchen.

Neo findet eine eigene Bewegungsvorstellung

Zehnjähriger Golfer Neo beim Pitchen auf Capdepera Golf. Die Aufnahme zeigt seine Körperhaltung während der Schlagbewegung mit einer Aufwärtsbewegung von Kopf und Oberkörper.

Besonders interessant wurde es, als Neo seine Bewegung mit eigenen Worten beschrieb:

„Nach links, von oben, hoch durch den Ball.“

Diese Beschreibung zeigt, wie er die Aufgabe für sich selbst verstand.

Er hatte nicht einfach eine vollständige Bewegungsvorgabe von mir übernommen. Er verband einzelne technische Informationen mit einer eigenen Vorstellung davon, wie der Schlag funktionieren könnte. Damit hat er den Nagel voll auf den Kopf getroffen.

Im Video ist dabei eine Aufwärtsbewegung seines Kopfes ab dem Moment zu beobachten, in dem seine Hände am rechten Oberschenkel vorbeischwingen.

Warum meine Weiterbildung hier den Unterschied machte

Das eigentlich Interessante an Neos Bewegung war für mich nicht allein, dass er sie selbst entwickelt hatte.

Entscheidend war, dass ich darin ein Bewegungsprinzip wiedererkannte, mit dem ich mich während meiner eigenen technischen Weiterbildung beschäftigt hatte.

Bei fortgeschrittenen Pitching-Techniken können Golfer durch die zeitliche Koordination verschiedener Körperbewegungen ihren Eintreffwinkel beeinflussen und bei Bedarf abflachen. Damit lässt sich beispielsweise eine grundsätzlich steilere Schlägerführung mit einer kontrollierten Schlägertiefe verbinden.

Zehnjähriger Golfer legt beim Training auf Capdepera Golf einen Schläger vor seine Füße, um seine Ausrichtung zum Ziel besser kontrollieren zu können.

Eine koordinierte Aufwärtsbewegung, an der unter anderem das linke Bein und der Oberkörper beteiligt sind, kann dabei eine Rolle spielen. Entscheidend ist jedoch nicht die isolierte Kopfbewegung, sondern ihr Zusammenspiel mit den übrigen Körpersegmenten und der Schlägerbewegung.

Als Neo eigenständig eine vergleichbare Bewegung entwickelte, erkannte ich darin deshalb nicht automatisch einen technischen Fehler. Ich sah eine mögliche funktionale Lösung für die Aufgabe, die wir zuvor gemeinsam erarbeitet hatten.

Genau deshalb bestand für mich kein Anlass, seine Pitching-Bewegung im Weiteren zu verändern.

Die weitere Arbeit konzentrierte sich stattdessen auf einen anderen Bereich, in dem noch Entwicklungsbedarf bestand: seine Richtungskontrolle. Auch dieses Thema haben wir im Laufe der Woche ins Training eingebaut.

Die folgenden Videoaufnahme zeigt ein Beispiel aus dem Tourgolf. Dabei lohnt es sich besonders, auf das zeitliche Zusammenspiel von Körperbewegung und Schlägerführung im Bereich des Treffmoments zu achten. Es geht nicht darum, Neos Bewegung mit der eines Tourspielers gleichzusetzen, sondern vergleichbare Bewegungsmerkmale zu erkennen.

Eine Bewegung finden ist noch nicht dasselbe wie sie stabilisieren

Während des Trainings dokumentierten wir mit unserem FlightScope Mevo+ insgesamt 23 Pitchschläge.

Die Messungen vom 14. Oktober 2026 zeigten unter anderem einen durchschnittlichen Eintreffwinkel von −5,2 Grad und eine durchschnittliche Carry-Distanz von 33,7 Yards.

Diese Daten helfen uns, die tatsächlich ausgeführten Schläge besser zu verstehen. Sie zeigen aber noch nicht, ob Neo bereits eine stabile Bewegung entwickelt hat.

Genau deshalb unterscheiden wir zwischen drei Entwicklungsschritten: Eine technische Information erhalten, eine eigene Bewegungslösung finden und diese Lösung anschließend zunehmend zuverlässig koordinieren können.

Eine Bewegung kann in einzelnen Versuchen bereits funktionieren, ohne dass sie unter unterschiedlichen Bedingungen zuverlässig verfügbar ist.

Wie aus einer technischen Veränderung durch geeignete Lernaufgaben schrittweise eine anpassungsfähige Fähigkeit entstehen kann, zeigen wir in einem weiteren Golf Learning Insight aus unserem Unterricht.

Auch in Neos Video wird deutlich, dass zwischen dem Entdecken einer Bewegungslösung und ihrer zuverlässigen Koordination noch ein wichtiger Lernprozess liegt.

Professioneller Golfspieler im Abschwung kurz vor dem Ballkontakt, mit den Händen vor dem Körper und dem Schläger auf dem Weg zum Ball.

Die Aufnahme eines Tourspielers dient als visueller Vergleich für das Zusammenspiel von Körper und Schläger während des Abschwungs. Eine einzelne Position erklärt noch nicht die gesamte Bewegungskoordination. Neos Bewegung ist natürlich noch nicht mit der eines Tourspielers vergleichbar. Das muss sie auch nicht sein.

Seine Bewegung ist natürlich noch nicht mit der eines Tourspielers vergleichbar. Das muss sie auch nicht sein.

Neo hatte weiterhin Schwierigkeiten, die verschiedenen Bewegungselemente zeitlich aufeinander abzustimmen. Die Abwärtsbewegung im Abschwung und die anschließende Aufwärtsbewegung mussten so koordiniert werden, dass der Schläger den Ball im richtigen Moment und in der gewünschten Höhe traf.

Das gelang nicht bei jedem Versuch. Gelegentlich traf er den Ball weiterhin zu tief auf der Schlagfläche oder toppte ihn.

Genau darin liegt eine weitere wichtige Erkenntnis dieses Unterrichtsbeispiels: Eine sinnvolle Bewegungslösung kann bereits vorhanden sein, während die Fähigkeit, sie zuverlässig zu koordinieren, noch entwickelt werden muss.

Die koordinativen Anforderungen eines Golfschwungs sind erheblich. Schon kleine zeitliche oder räumliche Abweichungen können den Treffpunkt verändern. Solche Abweichungen gehören zum Lernprozess und sind nicht automatisch ein Grund, die gesamte Bewegung neu aufzubauen.

Unser Ziel war deshalb nicht, Neo sofort zu perfekten Pitchschlägen zu führen. Wir wollten eine funktionierende Bewegungsorganisation weiterentwickeln und ihm helfen, die beteiligten Bewegungselemente zunehmend zuverlässiger aufeinander abzustimmen.

Im Practice Lab arbeiten wir deshalb nicht nur daran, Veränderungen zu ermöglichen. Wir beobachten und überprüfen anschließend auch, wie zuverlässig sich eine entstandene Fähigkeit weiterentwickelt.

Was dieses Beispiel über guten Golfunterricht zeigt

Neos Beispiel zeigt einen wichtigen Teil unserer Unterrichtsphilosophie.

Der Golflehrer muss nicht jede einzelne Bewegung vorgeben, damit sich eine brauchbare Lösung entwickeln kann.

Er muss aber die Aufgabe sinnvoll gestalten, die entstehenden Bewegungen beobachten, Rückmeldungen einordnen und entscheiden, welche Unterstützung als Nächstes notwendig ist.

Manchmal bedeutet das, eine technische Information zu geben. Manchmal müssen wir eine Aufgabe vereinfachen oder eine Bewegung gezielt korrigieren.

Und manchmal besteht die richtige Entscheidung darin, eine entstandene Bewegung zunächst bestehen zu lassen und weiter zu beobachten.

Genau diese Verbindung aus technischem Fachwissen, Beobachtung, individuellen Lernaufgaben und angepasster Unterrichtsführung gehört zu unserem Golf Learning System.

Unser Ziel ist nicht, dass jeder Golfer dieselbe Bewegung zeigt. Wir möchten ihm helfen, funktionierende Fähigkeiten zu entwickeln, sie zunehmend zuverlässig zu koordinieren und später unter unterschiedlichen Bedingungen auf dem Golfplatz einzusetzen.

Monnard Widmer Coaching Insight Logo als grafisches Symbol für strategischen Golfunterricht und Unterrichtseinblicke

Monnard Widmer Coaching Insight

Technisches Fachwissen ist nicht nur die Grundlage dafür, Bewegungen zu korrigieren. Es ermöglicht einem erfahrenen Golflehrer auch, funktionierende Bewegungslösungen zu erkennen, die ein Golfer selbst entwickelt hat.

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